23.10.14

Ruinen der Gegenwart- Ausstellung in der Schaufensterfront bei Steinbrener/Dempf & Huber, Wien




Einst standen Ruinen für die Vergänglichkeit schlechthin. In der Ruine verkörperte sich der Kreislauf, in dem die Menschen und alles, was sie der Natur abringen, schließlich von ihr zurückgeholt werden. „Ruinen erwecken in mir erhabene Ideen. Alles wird zunichte, alles verfällt, alles vergeht. Nur die Welt bleibt bestehen, nur die Zeit dauert fort“, schrieb Denis Diderot 1767 in seinen Salonbesprechungen von Ruinenbildern. 

Seit dem 19. Jahrhundert entsprechen Ruinen einer Klischeevorstellung von Romantik, für die vor allem die Darstellungen Caspar David Friedrichs herhalten müssen. Der Kunst- und Architekturhistoriker Robert Harbison liefert hier eine andere Interpretation: „Wenn Friedrich eine Ruine malt, lässt er zuvor im Geiste eine Bombe explodieren: Mensch und Natur, beide bleiben beschädigt zurück. Grabsteine und Figuren sind in Unordnung, jede Ecke so schroff, als sei das Gespräch der Welt mitten im Satz abgebrochen.“

Darüber hinaus weist Harbison den Weg in eine der heutigen Zeit gemäße Ruinenbetrachtung: „Es ist immer noch unüblich, Ruinen danach zu klassifizieren, ob sie plötzlich und gewaltsam oder nach und nach in ihren Zustand gerieten, wohingegen man Todesfälle genau danach sondert. (Blieben die Toten an der Erdoberfläche, würde man dies wahrscheinlich nicht tun.) Nur selten ist bekannt, wie ein Gebäude zur Ruine wurde, und deshalb sehen wir darin einen einzigen, sich immer wiederholenden Prozess. Es ist überraschend, wenn man entdeckt, dass die zerrissene Ecke eines von einer Gasexplosion zerstörten Hauses sich als pittoresk erweist, genauso wie der Besuch eines von einem Erdbeben entvölkerten Dorfs. In solchen Fällen kam die Leere über Nacht, während sie in der Regel Ergebnis eines langwierigen Prozesses ist. Gelegentlich finden sich Hinweise auf eine Zerstörung in vielen winzigen, kaum merklichen Schritten, vergleichbar dem menschlichen Alterungsprozess.“ 


Ruinen der Gegenwart spannt einen Bogen von der herkömmlichen Ruinenästhetik, die vor den Trümmern gedankenverloren über eine ferne Vergangenheit meditiert, sondern präzise nach ihrer Entstehung und ihrer gegenwärtigen Bedeutung fragt.

Ein wichtiges historisches Bindeglied dafür ist Robert Smithsons um 1970 entwickeltes, die Industrieruinen seiner Heimatstadt Passaic in New Jersey mit einer erdgeschichtlichen Perspektive verbindendes Konzept der „Umgekehrten Ruine“. Sie ist „das Gegenteil der ‚romantischen Ruine’, denn diese Bauten zerfallen nicht in Trümmer, nachdem sie gebaut wurden, sondern erheben sich zu Trümmern, bevor sie gebaut werden.“3 Dies klingt fast wie eine Vorahnung der Bauruinen in Südostasien, die durch den plötzlichen ökonomischen Zusammenbruch ganzer Volkswirtschaften Ende der 1990er Jahre von einem zum anderen Tag unfertig liegenblieben. 


Statt um Reflexionen über die Vergänglichkeit schlechthin, wie in der traditionellen Ruinenästhetik, geht es darum, die Ruinen unserer Zeit als ästhetische Symbole für den Zustand der Welt zu entziffern, als Symptome blutiger und unblutiger Kriege, auch wenn sie wie die Ruinen des WTC längst beseitigt wurden. 

Es werden u. a. Fotografien, Zeichnungen und räumliche Installationen zu sehen sein von 

Clemens Fürtler
Katya Gardea Browne
Francisca Gomez
 
Nathalie Grenzhaeuser
DD Handon
Maike Klein und Wolfgang Kampz Patricia Lambertus
Nadia Lichtig
Pitt Sauerwein
Paul Schwer
Sibylle Springer
Wolfgang Zach


Kuratiert von Ludwig Seyfarth 


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